Autor: admin

  • Elsass-Lothringen: Geschichte, Identität und Zwang

    Ein rückwärtsgerichteter Ansatz zum Verständnis einer lange unterschätzten Komplexität


    1. Warum dieser Ansatz?

    Die Veröffentlichung des Buches meines Großvaters – eines Elsass-Lothringers, der 1917 in die deutsche Armee eingezogen wurde – ging von einer einfachen, zugleich aber verstörenden Feststellung aus.
    Während der Gedenkfeiern zum hundertsten Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs im Jahr 2018 wurde die dennoch sehr besondere Situation der elsass-lothringischen Soldaten, die unter deutscher Uniform dienten, kaum thematisiert – obwohl sie Zehntausende von Männern betraf.

    In seinen Aufzeichnungen versuchte mein Großvater jedoch genau diese identitäre Realität zu vermitteln, die sich kaum auf eine einzige Kategorie reduzieren lässt:

    • deutsch nach dem Gesetz,
    • französisch im Herzen,
    • und gezwungen, unter einer Uniform zu kämpfen, die nicht die seine war.

    Nach der Veröffentlichung seines Zeugnisses wurde mir bewusst, dass diese Komplexität sowohl in der Historiographie als auch im institutionellen Gedenken häufig auf eine einzige Dimension reduziert wird: juristisch galt er als Deutscher.
    Das gelebte Erleben, die inneren Loyalitäten und die identitären Spannungen traten dabei in den Hintergrund.

    In jüngerer Zeit hat die offizielle Anerkennung der Zwangsrekrutierten von 1940–1945 den Begriff „Malgré-nous“ fest für diese Periode etabliert, ihn jedoch faktisch von der Zeit des Ersten Weltkriegs ausgeschlossen.
    Diese erinnerungspolitische Entscheidung, die in ihrem Kontext legitim ist, hat die Vorstellung verstärkt, dass der von den Elsass-Lothringern im Ersten Weltkrieg erlebte Zwang von anderer, weniger benennbarer und weniger sichtbarer Natur gewesen sei.


    2. Eine Referenzplattform im Aufbau

    Aus dieser Diskrepanz zwischen gelebter Erfahrung, familiärem Zeugnis, öffentlicher Erinnerung und historischen Kategorien entstand die Notwendigkeit einer weiterführenden Arbeit.

    Parallel zur Veröffentlichung des Buches meines Großvaters begann ich, diese Website schrittweise als Referenzraum aufzubauen, mit dem Ziel, die identitäre Komplexität der Elsass-Lothringer in einer langfristigen Perspektive sichtbar zu machen.

    Diese Plattform ist als offenes Projekt konzipiert, das sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln soll.
    Sie stützt sich auf vertiefte persönliche Recherchen – Lektüren, Archivarbeit, wissenschaftliche Studien und Verwaltungsquellen –, die mich zu einer zentralen Überzeugung geführt haben:
    Eine rein juristische Betrachtung der elsass-lothringischen Geschichte ist notwendig, reicht jedoch nicht aus, um ihre menschliche, kulturelle und intime Tiefe zu erfassen.


    3. Eine reiche, aber häufig segmentierte Dokumentation

    Im Verlauf dieser Arbeit zeigte sich eine umfangreiche und solide Quellenlage: Verwaltungsberichte, historische Studien, Zeitzeugenberichte, akademische Arbeiten.

    Diese Quellen werden jedoch meist periodenweise behandelt:
    1871, 1914–1918, Zwischenkriegszeit, 1940–1945.

    Transversale Ansätze, die diese Brüche gemeinsam betrachten und ihre menschliche Kohärenz sichtbar machen, sind selten.
    Genau diesen Raum des Verstehens, mehr als einen Raum der Demonstration, versucht diese Arbeit behutsam zu eröffnen.


    4. Eine Geschichte der Brüche – kein linearer Verlauf

    Die Geschichte des Elsass und Lothringens ist weder glatt noch kontinuierlich noch selbstverständlich evolutiv.
    Sie ist geprägt von einer Abfolge teils abrupter Souveränitätswechsel, gefolgt von stabileren Phasen, in denen sich Formen von Anpassung, Akzeptanz oder Ablehnung herausbildeten.

    Von der schrittweisen Integration in Frankreich seit dem 17. Jahrhundert über die Annexion von 1871, die beiden Weltkriege bis in die Gegenwart wirkten wechselnde politische Rahmenbedingungen tief auf die individuellen Lebenswege ein.

    Diese Geschichte ausschließlich über Übergänge – französisch, dann deutsch, oder umgekehrt – zu betrachten, greift zu kurz.
    Erst in der Dauer, im Zusammenspiel von Brüchen und Stabilitäten, lässt sich das gelebte Erleben in seiner Tiefe erfassen.


    5. Das Recht sagt nicht alles: ein besonderer Rechtsrahmen

    Staaten und Verträge definieren territoriale Zugehörigkeit, doch sie erklären nicht, was sich im Innersten der Menschen vollzieht.

    Zugehörigkeitsgefühle entstehen über Zeit hinweg:
    durch persönliche Erfahrungen, familiäre Weitergaben, kulturelle und sprachliche Prägungen sowie durch historisch auferlegte Brüche.

    Diese Komplexität wirkt bis heute fort, insbesondere im lokalen Recht von Elsass-Mosel, das Elemente französischen Rechts vor 1871 mit unter deutscher Verwaltung eingeführten Normen (1871–1918) verbindet.
    Dieses besondere Rechtssystem zeigt, dass politische Brüche frühere Schichten nie vollständig ausgelöscht haben.


    6. Der deutsche Blick (1871–1918): eine als unsicher empfundene Loyalität

    Diese Arbeit beleuchtet bewusst auch die Geschichte Elsass-Lothringens aus deutscher Perspektive zwischen 1871 und 1918, gestützt auf administrative, politische und polizeiliche Quellen.

    Diese Dokumente zeugen von einem Verhältnis, das von Misstrauen geprägt war.
    Die Bevölkerung wird häufig als ruhig und diszipliniert beschrieben, zugleich jedoch als politisch nur begrenzt verlässlich.

    Die systematische Beobachtung der Stimmung der Bevölkerung, Einschränkungen im Bereich des Gedenkens sowie das Verbot bestimmter Erinnerungsinitiativen vor 1914 zeigen, dass die deutschen Behörden diese Bevölkerungen nicht als vollständig in das nationale Projekt integriert betrachteten.

    Dieser Blick relativiert die verbreitete Vorstellung, die Elsass-Lothringer seien bis 1918 „natürlich deutsch“ gewesen.


    7. Übersetzung als kultureller Erkenntnisschlüssel

    Die deutsche Übersetzung der Aufzeichnungen meines Großvaters eröffnete mir einen unerwarteten Erkenntnisraum.
    Die Suche nach einem deutschen Äquivalent für den Begriff „Malgré-nous“ führte nicht zu einem lexikalischen Problem, sondern zu einer tieferliegenden mentalitätsgeschichtlichen Differenz.

    Während das Französische häufig eine Sprache der offenen Gegenwehr oder des Anspruchs wählt, sind die in deutschen Quellen anzutreffenden Formulierungen stärker von der Akzeptanz eines auferlegten Schicksals geprägt – selbst bei innerer Ablehnung.

    In diesem Licht gewann der von meinem Großvater gewählte Titel „Vivre sa destinée“ seine volle Bedeutung.
    Er entspricht einer germanischen Denkweise, die Zwang nicht notwendigerweise durch verbale Protestformeln ausdrückt.


    8. Eine kontinuierliche Geschichte aus der Perspektive der Elsass-Lothringer

    Diese Website möchte einen Raum differenzierten Verstehens eröffnen, indem sie miteinander in Beziehung setzt:

    • gesicherte historische Fakten,
    • aufeinanderfolgende rechtliche Rahmen,
    • zeitgenössische Begriffe,
    • und individuelle sowie familiäre Erfahrungen.

    Ziel ist es, die Vielfalt der Situationen sichtbar zu machen, die die Elsass-Lothringer durchlebt haben: Integration, Zwang, Assimilation, Distanzierung oder das Nebeneinander komplexer Loyalitäten.

    Einige dieser Erfahrungen fanden Eingang in das kollektive Gedächtnis, andere blieben lange unsichtbar.
    Diese Arbeit möchte sie sichtbar machen und in ihrem Zusammenhang zeigen.

    Die Geschichte Elsass-Lothringens wird häufig aus nationalen Perspektiven erzählt, die das Gebiet je nach politischer Zugehörigkeit ein- oder ausblenden.
    Dieser Ansatz erzeugt den Eindruck von Diskontinuität.

    Der hier verfolgte Ansatz verschiebt bewusst den Blick:
    Er erzählt eine kontinuierliche Geschichte aus der Perspektive der Elsass-Lothringer selbst, für die Grenzverschiebungen weder das Leben noch die Erinnerung unterbrechen.

    In diesem Sinne wird Geschichte rückwärts gelesen: von der gelebten Erfahrung hin zu den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die sie hervorgebracht haben.
    Ein Ansatz, der Geschichte nicht von institutionellen Schnitten her denkt, sondern von der menschlichen Kontinuität derer, die sie durchlebt haben.


    Weiterführend: Aufruf zur Mitarbeit

    Diese Arbeit versteht sich als offen und fortschreitend.
    Sie beruht auf bereits identifizierten Quellen, geht jedoch davon aus, dass weitere Dokumente, Familienarchive, Zeugnisse, wissenschaftliche Arbeiten oder kritische Perspektiven diese Reflexion vertiefen können.

    Beiträge historischer, archivischer, linguistischer oder erinnerungskultureller Art sind willkommen, sofern sie sich in eine sachlich fundierte und respektvolle Auseinandersetzung einfügen.

    Ziel ist es nicht, eine einzige Deutung festzuschreiben, sondern Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen, um die langfristige Komplexität der elsass-lothringischen Erfahrungen besser zu verstehen.

    Interessierte sind eingeladen, über die Website Kontakt aufzunehmen.